„Für jede Kultur lohnt es sich zu kämpfen“

Der Rom Emmerich Gärtner-Horvath, auch als Charly bekannt, steht für sich selbst und seine Meinung ein. Als Angehörige einer ethnischen Minderheit kennen sowohl er als auch seine Kollegen Martin Horvath und Josef Schmidt die Bedeutung des Wortes Benachteiligung nur zu gut.

Seit ihrer Migration nach Europa im späten Mittelalter sind die Roma Verfolgungen, Sklaverei und Folter ausgesetzt gewesen. Aufgrund ihrer Andersartigkeit hat Angst bis ins späte 20. Jahrhundert einen ständigen Wegbegleiter für die Volksgruppe gebildet. Inzwischen schreiben wir ein neues Jahrtausend.

Hat die Zeit tatsächlich Wunden geheilt oder gehört Ausschluss immer noch zum Alltag der Roma? Eine Volksgruppe kommt zu Wort.


Links: Martin Horvath (32), Josef Schmidt (43) und Obmann Emmerich Gärtner-Horvath alias Charly (52)

Josef und Martin erzählen von persönlichen Alltagserfahrungen wie Wohnungs- und Arbeitssuche. Für Wohnbauunternehmen wie der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft (OSG) spielen Hautfarbe und Herkunft keine Rolle bei der Wohnungsvergabe. Problematisch wird es für Roma erst bei privaten Vermietern. Martin berichtet von mehreren Ablehnungen bei der Suche nach einem Büro. „Sobald man den Namen Horvath genannt hat, haben die gesagt, das Büro ist schon vergeben. Dabei ist es heute immer noch frei“, erzählt Martin, Stellvertretender Obmann des Verein KARIKA. Nachdem ihm weitere Ausreden aufgetischt worden sind, hat er schließlich bei einem weiteren Versuch den Nachnamen nicht genannt. Vor Ort sei Martin jedoch erneut auf Zurückweisung gestoßen. Als letzten Ausweg habe der Vermieter auf Preiserhöhungen zurückgegriffen.

„Das sind taktische Ablehnungen“, wirft Charly, Obmann des Roma Service, ein. Auch er kann ein Lied davon singen. „Niemand sagt, ich will keinen ‚Zigeuner‘ hier, sondern er sagt, das ist schon vergeben oder erhöht eben die Preise.“

Die Wohnungssuche ist allerdings zu einem eher seltenen Übel geworden, da ein erheblicher Anteil der Wohnungen im Bezirk Oberwart von der Genossenschaft gebaut wird. Die Gehässigkeit von so manchem einheimischen Nachbar dagegen kann auch heute noch zu einer Barriere für einen Rom oder einer Romni werden. „Wenn der Nachbar gehässig ist, dann muss man sich da eben durchkämpfen. Ob man es schafft ist eine andere Frage“, so Charlie.

„Bei den jungen Generationen verändert sich schon was“

Die Jobsuche sieht für Volksgruppen-Angehörige nicht anders aus. Großunternehmen und Firmenketten kennen keine ethnischen Unterscheidungen bei der Jobvergabe. „Bei solchen Firmen zählt die fachliche Kompetenz“, sagt Josef. Es seien die kleinen Betriebe, die ihre Bewerber nach ihrer Hautfarbe aussortieret. Besonders bei der Aushilfe im Gastgewerbe hat Josef einprägsame Momente erlebt. Von Kundschaft werde er immer wieder schief angesehen. Er betont aber, dass es sich dabei um ältere Leute um die 55 Jahre aufwärts handelt. „Die, ab den 80er Jahren, sind eh ganz anders“, bestätigt der 43-Jährige.

Selbst das Ausgehen ist den Volksgruppenangehörigen über lange Zeit hinweg erschwert worden. Bei einem nächtlichen Besuch einer Disco sind die Roma von den Türstehern abgeblockt worden, erzählen sie. Dunkelhäutige hatten Lokalverbot in der Discothek. „Sicher gibt es ein paar schwarze Schafe, die gibt es überall. Aber ich kann nicht allgemein ein Lokalverbot für alle aussprechen“, klagt Josef. Dieses Ereignis hat sich Ende der 80er Jahre zugetragen.
Bis in die frühen 90er Jahre sind Roma bei jeder Gelegenheit zurückgewiesen oder benachteiligt worden. Aber auch im 21. Jahrhundert sind Zurückweisung und Ablehnung immer noch Bestandteil im Alltag eines Rom und einer Romni.

„Es kommt einmal der Tag, an dem ich mit meiner Abstammung konfrontiert werde“

Aufgrund der Diskriminierung ist es für Roma lange Zeit schwierig gewesen, auf sich selbst und ihre Herkunft stolz zu sein. Dennoch sind sie davon überzeugt, dass es keinen Grund gibt, sich für seine Kultur zu schämen. Man werde ohnehin eines Tages lernen müssen, sich selbst zu akzeptieren wie man ist. Der erste Schritt sei es, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Von der Kultur der Roma ist nur wenig geblieben. Das, was erhalten geblieben ist, ist mündlich überliefert worden. Deshalb hat es sich der Verein Roma-Service zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Roma schriftlich festzuhalten. „Die Geschichte ist traurig, aber es ist unsere gemeinsame Geschichte“, sagt Charly entschieden.

„Man will mit der Geschichte nichts zu tun haben“

„Wenn wir unsere Eltern etwas gefragt haben, haben sie uns nichts erzählt“, antwortet Charly bei der Frage nach dem geschichtlichen Hintergrund der Roma. Älteren Generationen sei es seinerzeit schwer gefallen, über die Verluste und den Schmerz, die den Familien wiederfahren ist zu sprechen. „Die Geschichte vom Inneren, was von den Leuten selbst kommt, das ist nie niedergeschrieben worden“, erklärt der Obmann.

Vor allem die Schriften des nationalsozialistischen Politikers Tobias Portschy, wie „Die Zigeunerfrage“ empfinden die Roma als besonders beleidigend. Tobias Portschy ist illegaler Gauleiter des Burgenlandes und Gauleiterstellvertreter der Steiermark gewesen. Zudem ist er maßgeblich an der Verfolgung und Deportation der burgenländischen Roma beteiligt gewesen.

Der Zweite Weltkrieg ist sowohl für die Mehrheitsbevölkerung als auch für die Roma ein traumatisches Erlebnis gewesen, dessen ist sich Charly bewusst. Ihm gehe es darum, solche historischen Ereignisse gemeinsam aufzuarbeiten und daraus zu lernen. „Man muss sich einfach fragen: wie lange muss es noch dauern, bis man sich mit der Geschichte auseinandersetzt?“

Die Roma haben in der Vergangenheit mit aller Kraft um ihr Überleben gekämpft, doch dafür haben sie bitter bezahlt. „Das einzige, das von der Kultur übrig geblieben ist, was man uns weitergegeben hat, ist die Sprache“, erzählt Charly. Mit der Sprachkodifizierung und –didaktisierung des Roman haben diverse Vereine erst 1993 begonnen.

Seither baut sich die Volksgruppe ein neues Leben auf. Die Roma haben sich nicht länger vertreiben lassen, sondern haben sich für ihre Rechte eingesetzt. Das Ergebnis ist eine Reihe von Gesetzen, die in den späten 1980ern und frühen 90ern in Kraft getreten sind. Vereine mit unterschiedlichen Zielen und Projekten haben sich inzwischen in Österreich gebildet.

„Wir präsentieren die Volksgruppen im Burgenland“

Der Verein Roma Service veranstaltet alljährlich am zweiten Samstag im Juni den sogenannten Roma-Butschu. „Da ist auch schon immer der Grundgedanke gewesen, dass sich nicht nur die Roma präsentieren“, erklärt Charly. Dazu werden beispielsweise auch Kroaten, Ungarn und Slowenen geladen. Dieser Kirtag findet in Großbachselten, in der Nähe von Oberwart statt.

Mit dem Roma-Butschu hat der Verein Roma Service bewiesen, dass Menschen mit verschiedensten Herkünften trotz einer traurigen Vergangenheit miteinander harmonieren können.


Roma-Butschu 2014: Ungarische Tanzgruppe

 

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