Irgendwie bin ich heuer am Lighthouse Festival gelandet. Eigentlich wollte ich das ja nie. So wirklich. Nach fast einem Jahrzehnt Angestellten-Dasein in semi-Szene-relevanten Einrichtungen in Wien war die Motivation, der mehr oder weniger selben Crowd ca. 550km entfernt über den Weg zu laufen, eher ausbaufähig. Viele davon sind Freundinnen und Freunde von mir, schon klar. Aber dieses Feiern-wie-in-Wien-bloß-halt-woanders-Ding war dann doch immer so ein bisserl Hmm.

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Aber, wie gesagt, bin ich doch irgendwie dort gelandet.

Das Lighthouse Festival, wer es nicht weiß, findet dieses Jahr bereits zum sechsten Mal nahe Poreč (Tar) auf der kroatischen Halbinsel Istrien statt und wird von den Betreibern der (ehemaligen) Pratersauna veranstaltet. Tickets dafür waren angeblich binnen weniger Stunden nach Presalestart schon ausverkauft; ob immer noch das alte System gilt – nur FreundInnen oder Bekannte von ehemaligen Festivalbesuchern können Tickets ordern, ist mir unbekannt. Die musikalische Ausgewogenheit soll dieses Jahr besonders hoch sein: ein reines House- & Techno-Festival wird es nicht werden. Sehr gut. 

Unser Ankunftstag war erst Freitags, relativ spät. Das Festival ist bereits in vollem Gange. Zimmer beziehungsweise Bungalow zu finden hat sich als abenteuerlich herausgestellt. Das Gelände ist riesig und wird von einem zentralen Hotelkomplex dominiert. Quasi Springbreak mit (einem Hauch) weniger Bros, dafür Hedonism turned up to 11. Dadurch gleich mal lässig Techno-Legende & sexiest male voice alive Moodymann auf der Red Bull Stage (wo sonst) verpasst. Nice. Wieso spielt der schon um 8 Uhr abends? Unsere Top-Geschäftsidee, ein GPS-Navi mit seiner Stimme zu entwickeln, fand er dann obendrein auch nicht so prickelnd. Oh my. Das Detroit-Duo komplett machte danach Amp Fiddler (Ex- Funkandelic & Parliament) – aber auch nichts gesehen weil gleich weiter zur eigenen Auflegerei. 

Wien war auch da

Dazu gings auf den sogenannten Lighthouse-Floor, welcher tagsüber permanent bespielt wurde. Unter anderem von illustren (und im Gegensatz zu mir auch fähigen) DJs wie Wolfram, Therese Terror oder Roman Rauch. Das Ganze wurde via Livestream von Radio80000 in den Äther transmittiert, wieso auch nicht. Dort traf dann genau das ein, was zu befürchten war: ein Wien-Happening epischen Ausmaßes. Und es war… großartig? Bussi bussi, grüß dich August, was du auch hier? Ein wenig wie ein Familientreffen, bloß ausschließlich nur mit den lustigen und leicht dauerbetrunkenen Tanten & Onkel. Ist das dieses vielbeschworene Lighthouse Family Feeling? Hieß nicht mal eine fürchterliche Band so? So viele Fragen… 

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Nachdem wir das beste LHF-Set spielten, das ich bis dahin dort gesehen hatte, gings ab zum Beachfloor; es war schon recht spät. Interessantes Gastro-System dort, weil nicht wirklich vorhanden. An der Kassa Anstellen für Bons – bloß das an den Bars eh auch kassiert wurde. Weird, aber ok. Im Vorfeld war großes Bemühen der Veranstalter zu vernehmen, das Stiefkind Gastronomie endlich in die eigenen Hände zu nehmen, doch scheint es an dort heimische Betriebe ausgelagert zu sein. Halb so wild: Schlange stehen kann gut zum weiter socializen oder neue Menschen kennen lernen genutzt werden. Das Areal ist wirklich schön und weitläufig, aber fast zu klein für den aktuell spielenden Artist: Oliver Koletzki spielte ein Set, das 2008 auch nicht gröber aufgefallen wäre. Aber hey, die Publikumseuphorie gab ihm recht. Außerdem ist der Mann ein Pratersauna-Haudegen der allerersten Stunden, insofern macht das schon viel Sinn. Family-wise. Danach war die größte Aufgabe, wen zu finden mit einer halbwegs präzisen Vorstellung von Heimweg. Fans von Lost oder Annihilation wären gut auf Ihre Kosten gekommen. Noch kurz im Nassraum getauften Vorzeige-Floor vorbeigeschaut, wo Special Request mit seinem Jungle-ish koloriertem Sound alles zerlegte, aber zu der Location später mehr. Das der fantastische Etapp Kyle auch an diesem Abend spielte (Zodiak Club), erfuhr ich leider erst, als schon alles vorbei war.

Nächster Tag: zu Mittag aufstehen (klassisch). Ein Blick aufs Handy verrät, dass gleich das Partyboot ablegen wird: Ob wir mitwollen? Thanks but no thanks: erst mal auf Frühstücksmission. Dabei gleich mal fein verlaufen. Direkt nebenan ist ein gut besuchter FKK-Campingplatz, who knew? Die bösen Blicke der Nudisten ob meiner Hose waren mehr als verständlich. Aber ansonsten scheint das Zusammenleben der beiden Aussteigerfraktionen recht harmonisch zu verlaufen wie mir Nachfragen bestätigen. Leben und leben lassen, oder so. Frühstück war dann Bier & Cornetto – Hallo Kroatien!

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Ein erstes Highlight

Zum Nachmittagsprogramm die Freunde vom Dish Tennis besuchen. Eh super wie immer. Kleinklapp-Tischtennistische, Hypegirls & -boys, top Moderation und – endlich! – feinster Hiphop von Philinger funktionieren am Meer dann echt noch besser als in der Stadt. Der folgende Spaziergang übers Areal bestätigte abends zuvor erstellte Theorie: Es. Ist. Riesig! Auf dem sich dem Downtempo verschriebenen Paintball-Floor (geschmackssicher “Shooting Range” getauft) mitten im Wald war schon am Nachmittag gut Betrieb. Die heimischen Schatzis Oberst & Buchner sowie die Heimlich Crew sollen dort gute Sets hingeschlenzt haben. Ein echter Hingucker war auch der Ambient- & Chillout-Floor mit seinen anprojizierten Wohnwagen. Musikalisch machte er wenig überraschend seinem Namen alle Ehre. Das dort auch Yoga angeboten wurde, file under: zu spät erfahren. Einen Showroom von peng! x Adidas (einer der wenigen Sponsoren heuer) gab es zu besuchen, wirklich toll aber war der Espresso-Wagen davor: guter Kaffee war sonst eher Mangelware. Das Modular Lab – ein Workshop über die “dark art” der Klangsynthese – wäre sicher auch einen Ausflug wert gewesen, nur wurde es nie gefunden.

Nach mittelmäßig spannender Hrvatska-Küche in einem der Lokale vor Ort (super: was vom Grill kommt / nicht super: alles andere) kristallisierte sich die wohl am meisten gestellte Frage des Festivals heraus: Wo bist du? Aber dank moderner Tools (Standort, kennst?) eigentlich auch kein gröberes Problem. Also kurz Energie tanken in einem der diversen Bungalows, die Heimparty wird groß geschrieben am LHF. Ob das etwas mit den am Gelände kolportierten Getränkepreisen zu tun hat: denkbar wäre es. Allerdings sind die meisten dieser Bungalows wirklich gut ausgestattet, das Ausgehverhalten wird so vom eigenen Bedürfnis oder der Lautstärke des Nachbarn gesteuert. 

Na Bumm

Das Samstagsprogramm war tight und startete früh mit einer echten Überraschung: der unangekündigte Suprise-Act auf der Main Stage war niemand geringerer als everybody’s Lieblingsfeieronkel Sven Väth, boo yaka! Es füllte sich schnell, der Ausblick war kitschig schön, der Sound: ja eh. Aber das war auch nicht wirklich das Relevante: denn da war es wieder, dieses Feeling. Eins, zwei, drei, gudde Laune. Dem Verdammenswerten voranggegangener Wochen recken wir nun die Fäuste. So ist das also mit den eigenen Werten…

Eine bedingt aufregende Karussellfahrt später stolpern wir auf der Suche nach der nächsten Location durch die Pampa; nein, DJ Koze spielt leider nicht. Die Pizza-Party mit nochmals Wolfram war angedacht, aber viel zu voll. Also weiter im Ablauf. Einen Autodrom-Floor gabs auch. Wild! Am Nature Playground, ebenfalls mitten im Wald, lag ein Haufen Schaum herum und wir haben einen Indianer gesehen (wir waren nicht die einzigen). Kurz rein in den Zodiak Club, alles klar – rauf zum Büro-Floor, aber der Name war leider Programm (aka keine Bewegung), also weiter weiter. Und wieder: “Standort?”. Am Beachfloor (again) mauerte einer der Optimo (Espacio) Jungs ein traumhaftes Set in die Nacht. Wahnsinn! Als ich in den frühen Morgen(eher Vormittags)stunden Richtung Heimdomizil schlenderte, war immer noch gut Betrieb. Das Ende nahte, es war zu spüren…

Sonntag gilt traditionell als Ausspann-Tag vor der finalen Abschlusssause. Also Badehose an (oder eben nicht, je nachdem auf welcher Seite des Areals) und runter zum Strand. Frühstück diesmal: Prosecco und Jazz-Zigarette – so fly. Salzwasser wirkt Wunder gegen Kater, solange nicht getrunken. Dann doch noch das eine gute Restaurant am Gelände gefunden: Fischplattengönnung i heart you. Die allgemeine Stimmung war erschöpft und melancholisch, aber auch tiefenentspannt. Family eben.

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Ab zum Prunkstück des Festivals: dem dieses Jahr erstmals bespielten sogenannten Nassraum. Von Veranstalterseite heißt es, der Raum könne mit dem Berghain (in Berlin, nicht Salzburg) mithalten; ob das so stimmt… ich weiß es nicht. Mehr als beeindruckend ist es allemal: mit beweglichen LEDs an der Decke ausgeleuchtet und fettestem Sound (Lambda Labs und Function One für die Namedropping-Fraktion) versprüht es einen herrlichen Hallenbad-Rave-Flair. Das gesamte Team des LHFs ist auch da, diesmal zum feiern statt hinter den Kulissen zu werkeln. Hochverdient. Je später es wird, desto weniger wird stillgestanden. Musikalisch anspruchsvoll mit dem holländischen Shootingstar Tsepo (wenn wer weiß wie die Dame davor hieß – PM me, absolut großartig) sowie dem Tausendsassa Felix Ruprecht klang ein spektakuläres Wochenende aus. Danach fielen sich alle in die Arme und wünschten sich eine gute Heimreise.

Irgendwie bin ich schon froh, dass ich am Lighthouse Festival gelandet bin. Nach anfänglicher I’m-too-old-for-that-shit-Angst (der Altersdurchschnitt war wesentlich höher als erwartet) sowie latenter Abneigung gegenüber diverser Club-Gepflogenheiten hat es mich ziemlich erwischt, dieses LighthouseFamilyFeeling, dieses … Dings. Schwer zu beschreiben, schwer wieder aus dem System zu bekommen. Utopia on fleek. Vielleicht komme ich nächstes Jahr sogar wieder, diesmal einen Ticken besser vorbereitet. “In Kroatien haben sie noch Kuna?” “Honey Dijon hat gespielt??” “Es gab einen Hiphop-Poolfloor???”

Um noch einen beliebten Festival-Pun zu zitieren: Es tut mir überhaupt nichts Lighthouse.