Norwegen liegt im Trend, und das völlig zu Recht. Das Land ist regelrecht vollgestopft mit beeindruckenden Naturwundern. Wer Lust hat ein wenig mit sich und der Welt allein zu sein, findet hier viel Platz ohne auf alle Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten zu müssen. Die Abenteuerdosis kann jeder für sich bestimmen.

Über die Jahre in Schule und Uni bekommt man unweigerlich eingeimpft, dass Reisen prinzipiell im Sommer zu machen sind, sprich: in den Ferien. Als ich mich vor fünf Jahren als Grafiker und Musiker selbstständig machte, blieb dieses Paradigma bestehen. Bis ich irgendwann realisierte: Ich kann ja wegfahren wann ich will!

Und so fand ich mich Ende Mai 2015 in Norwegen wieder, allein mit Mietauto und Kamera ausgerüstet. (Dass man als Freiberufler grundsätzlich nie Urlaub macht und hat, merkte ich als ich, am Ufer des Nordfjords parkend, zuerst mit einer Kundin und dann mit der Druckerei telefonieren musste, um ein Projekt zu retten).

Norwegen ist seit der Maturareise mit meiner großen Liebe meine zweite große Liebe. Inzwischen wurde das Land von mir mehrmals per Eisenbahn und Auto erkundet, bisher allerdings stets in Begleitung. Allein zu reisen kann ich nur wärmstens empfehlen, nicht grundsätzlich und für immer, aber zwischendurch mal allein wegzufahren ist quasi ein Akt der Psychohygiene.

Zwischen Schnee, Eis und Obstgärten

Der späte Frühling ist eine gute Zeit um die Fjorde Westnorwegens zu besuchen, dann blühen hier die Obstbäume. Die Täler sind dank Golfstrom mild und fruchtbar. Auf den Bergen ist der Winter allerdings lang und manche Passstraßen öffnen erst rund um den 1. Juni, je nach Schneelage. Meine Route führe mich vom Flughafen Olso zuerst nach Norden über die Hauptroute E6 bis nach Otta, dort bog ich dann nach Westen Richtung Fjorde ab. Oben auf der Hochebene (Fjell) war eben erst der Frühling angebrochen, da freute ich mich über mein gut geheiztes Zimmer im edlen hölzernen Berghotel in Grotli (das ich dank Fehler bei der Buchung um den halben Preis bekam. Achtung: Hotelzimmer sind in Norwegen kaum unter 80 Euro finden!) Profitipp fürs Autofahren auf dem Fjell: Durch die hohe Albedo des Schnees ist es extrem hell, auch an bewölkten Tagen (Stichwort Whiteout). Wenn man dann in einen der unzähligen Tunnel fährt, ist man einige Augenblicke völlig blind. Eine Sonnenbrille, auch bei Schlechtwetter, schafft hier Abhilfe (außerhalb der Tunnels, versteht sich).

Das Wetter ist generell so eine Sache in Norwegen, eine gewisse Flexibilität erhöht den Spaßfaktor. Die Norweger selbst sind recht gelassen, ich habe ganze Schulklassen in Regen-Overalls bei strömendem Regen im Pausenhof spielen sehen. Ich selbst war, vor allem auch wegen der Fotos, meist weniger entspannt und immer auf der Suche nach einem Fleck an dem die Sonne schien, was dank Mietauto auch häufig gelang. Diesen Bemühungen ist es zu verdanken, dass man auf meinen Fotos nicht unbedingt sieht, dass es von den zehn Tagen meiner Reise an acht geregnet und an zwei sogar zeitweise geschneit hat.

Touristenhotspots und Geheimtipps

Im Prinzip kann man in Norwegen jeden Fjord, jedes Tal und jeden Berg besuchen. Man wird überall herrliche Plätze finden. Am berühmtesten ist wohl der Geirangerfjord mit seiner Postkartenoptik. Man erreicht ihn entweder per Schiff oder über zwei Passstraßen. Allerdings muss man sich hier auf entsprechende Touristenhorden gefasst machen, sogar im Frühling.

An gewissen Plätzen kommt man nicht einfach vorbei, die gilt es gezielt anzusteuern, einer davon ist Europas größter Festlandgletscher, der Jostedalsbreen, dessen Ausläufer man in mehreren Tälern mehr oder weniger gut erreichen kann. Klimawandelbedingt hat sich das Eis in den letzten Jahren massiv zurückgezogen, der Anblick des Seitengletschers Kjenndalsbreen am Ende des schönen Lodalen ist aber nach wie vor beeindruckend. Hier ist man im Frühling auch fast allein mit der Natur, andere Wanderer traf ich nur vereinzelt, allerdings sollte man stets vorsichtig sein: Vom Gletscher am Hochplateau gehen immer wieder Schneelawinen ab, deren Ausgangspunkt man durch die Steile der Hänge von unten nicht sieht. Nur ein fernes Donnern kündigt die Überraschung von oben an. Am markierten Weg ist man aber sicher. Die erste Lawine starrte ich noch mit offenem Mund an, bei der zweiten hatte ich die Kamera schon vorbereitet und einsatzbereit.

Für Naturliebhaber lohnt es sich die unzähligen Naturparks anzusteuern. Ein großer Teil der Fjells im Bergland sind Schutzgebiete. Wer gut zu Fuß ist, kann hier tagelange Wanderungen machen und wird mitunter keiner Menschenseele begegnen. Aber auch mit dem Auto bekommt man einen guten Eindruck von der rauen Natur. Durch die Nationalparks Jotunheimen oder Dovrefjell-Sunndalsfjella etwa führen beeindruckende Panoramastraßen.

Städte oder das was die Norweger dafür halten

Ja, es gibt in Norwegen sogar ein paar Städte. Manche sehen sogar danach aus – die meisten Orte haben aber eher Dorf- bis Kleinstadtcharakter und das ist gut so. Andernfalls wäre der Kulturschock nach den Tagen oben, irgendwo im Hinterland, auch viel zu groß. Besonders reizvoll ist definitiv Bergen mit seinen Holzhäusern, engen Gassen und dem Hafenviertel. Wer sich norwegisches Cityfeeling gönnen will, ist in dieser Universitätsstadt an der Westküste definitiv richtig, einziger Haken: es hat hier in der Regel 250 Regentage im Jahr.

Für mich sind aber besonders die kleinen Ortschaften reizvoll, ein Paradebeispiel ist Skudeneshavn im Südwesten des Landes, ein ehemaliges Fischerdorf mit über 130 Holzhäusern im Zentrum, die allesamt weiß gestrichen sind.

Gut fürs Konto und die Seele: Camping in Norwegen

Norwegen ist voller Campingplätze. Jeder Ort hat mindestens einen, so scheint es. Oft ist das auch nur ein Bauernhof mit Wiese für Zelte, aber die sanitären Anlagen sind immer top, überall gibt es WLAN (das ich manchmal auch nur im Vorbeifahren für ein kurzes Update am Handy nutzte) und fast jeder Campingplatz bietet auch kleine Hütten an. Die sind beheizbar, haben meist Wasserkocher und auch eine kleine Herdplatte und bieten vor allem bei schlechtem Wetter die Chance auf eine erholsame Nacht. Der Preis der Hütten liegt in der Regel weit unter dem von einfachen Hotelzimmern, ich wurde im Rahmen meiner Reise zum regelrechten Hüttenfanatiker. Auslöser dafür war meine erste Nacht im Zelt. Die Temperatur fiel unter Null. Dafür war ich nicht ausgerüstet. Mit Jacke und Mütze im Schlafsack fror ich dem nächsten Morgen entgegen. Ich war an jenem Tag der einzige Gast am Campingplatz. Der Besitzer nahm schließlich nur 100, statt der eigentlich fälligen 200 Kronen entgegen. “Wegen der Kälte”, meinte er freundlich, als wäre das seine Schuld gewesen.

Der Weg ist das Ziel

Reisen in Norwegen ist allgemein ein Plädoyer für mehr Ruhe und Gemütlichkeit, denn schnell geht hier so ziemlich gar nichts. Die raue Landschaft zwingt den Menschen und vor allem den Reisenden eine gewisse Gelassenheit auf. Egal wo man hin will, es ist immer ein Fjord oder Berg im Weg. Da heißt es dann entweder oben drüber, drum herum oder unten durch – sofern es schon einen Tunnel gibt (die werden jährlich mehr). Ein Großteil der Straßen ist schmal, mehr als Tempo 70 ist selten drinnen und immer wieder heißt es Warten auf die Fähre. Ich kann mich nicht erinnern, in Norwegen auch nur eine Hupe gehört zu haben. Alles geht einfach so schnell oder langsam wie es eben geht. Und auch das ist gut so! Spätestens an der Autobahnauffahrt am Flughafen Wien wird einem bewusst, wie schön es auf Norwegens Straßen war. Dann hilft nur mehr eines: King’s of Convenience ins Autoradio und einfach weitercruisen.