Über geraume Zeit hinweg konnte man dabei zusehen, wie sich etappenweise die Wolken am Horizont verdichteten. Langsam braute sich dank einer Kombination aus wachsendem Druck, einer zu lang andauernden Hitzewelle und der bundesweiten Regierungsunfähigkeit ein Unwetter zusammen. Das Ergebnis: Ein Donnerwetter, dessen Echo übers ganze Land hallt.

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Dem einen oder anderen ist vermutlich längst klar, worum es eigentlich geht. Kurze, aber wichtige Zwischeninformation: Es handelt sich nicht um eine Wettervorhersage. Tatsächlich folgt nun ein Thema, das hierzulande jedem bereits zum Hals heraushängt, deshalb aber nicht an Relevanz einbüßt und auch in den nächsten Jahren als Schreckgespenst unter den täglichen Schlagzeilen verrufen sein wird. Bekanntlich braucht man ein Problem, um einen Text zu verfassen. Das mag vielleicht im Bereich tagespolitischer Berichterstattung zutreffen. In der Regel entgegne ich solchen ungeschriebenen Gesetzen des Journalismus mit unübertrefflicher Gleichgültigkeit. Aber schwierige Zeiten erfordern schwierige Maßnahmen. So lautet wohl auch die neueste Devise der österreichischen Politik.

Und plötzlich nehmen sie ihre Füße in die Hände

Eigentlich ist man von der österreichischen Regierungsspitze eher eine Alles-beim-Alten-Politik gewohnt, wobei man genau genommen das Wort „Politik“ ebenso durch „Streichelzoo“ ersetzen könnte. Jeder wüsste, was gemeint ist. Vor allem von Parteien wie der SP ist jahrelang nichts anderes, als die immer selbe Schiene zu erwarten gewesen. Keine neuen Ideen, keine neuen Methoden, keine Veränderungen. Solange man nichts riskiert, kann man auch nichts verlieren. Zu ihrer Missgunst ging dieser Versuch – beziehungsweise Nicht-Versuch – allerdings nach hinten los, wenn es auch erschreckend lange gedauert hat. Die Wiener Bürgermeisterwahl steht vor der Tür, plötzlich lassen sich Politiker Beine wachsen. Niemand verharrt gern in seinen eigenen Exkrementen. Wer hätte gedacht, dass sie aus ihrem Tiefschlaf erwachen. Jemals. Man konnte ja nicht ahnen, dass eine Schlange auch zubeißen kann, wenn sie sich bedroht fühlt. Oder hungrig ist…

Nun stehen wir hier, ein Staat, der innerhalb seiner eigenen Landesgrenzen an den aktuellen Herausforderungen zu zerreißen droht. Völlige Überforderung im Umgang mit der Griechenland-Krise. Hochgradige Inkompetenz in der Flüchtlingsunterbringung. Und hier befinden wir uns erst auf der Spitze des Eisbergs. Tiefer versucht man gar nicht erst zu graben. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Dinge ans Licht kommen, die für noch mehr Unwohlsein unter der Bevölkerung sorgen. Eine kritische Reflexion der aktuellen Wirtschaftslage, der Kriegsführungen, der politischen Misere rundherum wird nicht für notwendig empfunden. Sie müssen nicht wissen, dass die Abgrenzung zwischen Ländern, Nationen oder Kontinenten nicht zwingend eine Abgrenzung von Problemen, Krisen bedeutet.

And the Oscar goes to….

IMG-20150826-WA0003Als ob wir nicht schon vor genug Problemen stehen würden, schaffen wir lieber neue Krisenpunkte, anstatt die alten zu lösen und zu beseitigen. Es mag wohl in der Natur des Österreichers liegen, dort Probleme hinzuzaubern, wo eigentlich gar keine sind. Nun ist es an der Zeit, dass wir uns endlich eingestehen, dass der Österreicher eine Drama-Queen ist. Zumindest auf nationaler Ebene. International wahren wir nämlich gerne den Schein einer fröhlichen, ausgeglichenen Nation. Innerhalb der Landesgrenzen weiß man zwar, dass dem nicht so ist. Aber wir haben es satt, uns als Suderer bezeichnen zu lassen. Darum belächeln wir unsere eigene Misere. „Leider Gottes“ (oder zum Leid der nach Harmonie strebenden Bevölkerung) kommen hin und wieder ein paar hochmotivierte Journalisten daher und decken Affären und/oder Missstände auf und betrüben so unsere bunten, blumigen Gläser, durch die wir täglich hindurchblicken, um unsere Augen der Realität zu verschließen. Oder diese wenigstens zu verschleiern.

Das Unwetter und seine Folgen

Monatelang hat die österreichische Regierungsspitze die Länder immer wieder aufs Neue an ihre Pflichten bei der Flüchtlingsunterbringung erinnert. Dennoch fühlte sich der Großteil nicht dazu verpflichtet, die Ärmel hochzukrempeln, geschweige denn sich endlich einmal Beine wachsen zu lassen. Der Bund hat reagiert und gehandelt. Auch das war unvorhersehbar (oder vielleicht doch nicht?). Ein Machtkampf hat begonnen, der Österreich erneut auf seine Belastbarkeit überprüft. Niemand will schuld daran sein, dass es überhaupt erst dazu kommen musste, solche einschneidenden Maßnahmen zu ergreifen. Wenn man darüber nachdenkt, sollte man eigentlich meinen, dass Bund, Länder und Gemeinden den schutzsuchenden und teilweise traumatisierten Mitmenschen zuliebe an einem Strang ziehen. Weil das Wohlergehen, ja das Leben von Menschen selbst, wichtiger als diese endlosen Machtspielchen sind. Genau damit wirbt die österreichische Regierungsspitze als Hauptargument für ihr Eingreifen in die Politik der Länder und deren Kommunen. Ob sich dies als Lösung für alle Probleme auf Bundesebene entpuppen wird, ist allerdings mehr als fraglich. Gewiss ist nur, dass sich der Staat spaltet. Die Bürger sind verärgert, die Länder stinkwütend. Darunter leiden müssen letzten Endes jene, die nach Österreich kommen – in das Land der Möglichkeiten; das Land, in dem alles hätte besser werden sollen.

Jetzt ist eh schon alles egal, die Politiker machen ohnehin, was sie wollen. Und wenn sie das nicht können, dann verfallen sie wieder in ihren Tiefschlaf. Das Unwetter zieht weiter, an einen anderen kritischen Knackpunkt. Der Himmel lichtet sich. Und zurück bleibt ein erschüttertes Land, gezeichnet von den kürzlich wütenden Stürmen. Weit und breit ist nichts mehr davon zu sehen, aber sieht man sich in der Szenerie um, so kann man das Unheil regelrecht spüren. Zurzeit sieht es nicht gut aus für das Land der Berge. Auf Anhieb haben alle das Bedürfnis, etwas zu tun, anstatt wie bisher anteilnahmslos zuzusehen. Egal, ob Politiker oder Durchschnittsbürger. Jeder hat plötzlich eine Meinung. Die österreichische Politik lässt sich also Beine wachsen? Da gäbe es so Einiges, was sie sich dringender wachsen lassen sollte…

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