FLORIDSDORF: IRGENDWANN VOR 3 JAHREN

Wir sitzen zu zweit in der Straßenbahn Richtung Strebersdorf. Es ist Sonntagmorgen und mein Kumpel schwärmt von einer neuen After-Party-Location, die wir gleich besichtigen werden. Die Bim nimmt Fahrt auf und schiebt sich jaulend unter dem blauen Herbsthimmel die Prager Straße entlang. Links und rechts der Chaussee: Autohäuser, Tankstellen, Bordelle, ein paar Wohnblöcke und Industriegebiet. Die wenigen Frühaufsteher, die mit uns unterwegs sind, beäugen uns neugierig. Aus dem Off kündigt Chris Lohner die nächste Haltestelle an: Autokaderstraße. Wir verlassen die Straßenbahn, laufen an einer Tankstelle vorbei und betreten nach wenigen Metern ein großflächiges, ummauertes Areal durch eine unscheinbare, blaue Tür. Vor den Werkstätten liegen Gerüste und geschlichtete Eisenstangen herum. Der Geruch des Metallschweißens liegt hier in der Luft. Wir steuern ein zweistöckiges Häuschen in der Mitte des Areals an: Die legendäre Kulturschmelze.

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Ich betrete als Mitglied No. 123 den Ort, an dem ich viele unvergessliche Erlebnisse und Begegnungen haben werde. Der Sound ist laut, der Bass wummert mächtig durch die Räume und der komplexe Aufbau der schnellen Psytrance-Rhythmen überschlagt sich in wilden Kaskaden. Drinnen ist es dunkel. Im UV-Licht leuchten grelle, an die Wand gemalte Ungeheuer. Mein Freund kennt hier bereits einige Leute und stellt mich ihnen vor. Die Leute tanzen ekstatisch zur Musik. Hinter der Bar steht ein zierliches brünettes Mädchen. Ich bestell mir ein Bier und bekomme ein süßes Lächeln geschenkt. Alle sind freundlich zu mir und ich fühle mich hier wohl. Abgeschieden von der Außenwelt werde ich hier noch aufregende Tage und Nächte in familiärer Atmosphäre verbringen.

Feysullah Milenkovic

Feysulah Milenkovic

JÄNNER 2018

In meiner Straße kann ich Feysulah Milenkovic abpassen, für Freunde auch Feysi, Betreiber der Kulturschmelze und Gründer des Vereins zur Kultivierung der Gesellschaft. Im letzten Moment ist mir eingefallen, dass ich Getränke für das bevorstehende Interview bei mir brauchen könnte. Gerne begleitet er mich noch in ein Geschäft, lässt sich dann aber nicht einladen. “Ich bin rundum zufrieden. Danke”, sagt er nur.  Ich kenne Feysi mittlerweile drei Jahre. Wir haben dasselbe Alter. Er ist in Wien geboren, von serbo-albanischer Herkunft, und hat den Großteil seines Lebens in Transdanubien verbracht. Nach der Matura lässt er sich zum Mechatroniker ausbilden und spezialisiert sich danach auf Sonderanlagen- und Prototypenbau. Matura und Lehrabschlussprüfung kann er mit Auszeichnung bestehen.

Zuhause angekommen, setzen wir uns ins Arbeitszimmer und machen es uns bequem. Ich freue mich über das exklusive Privileg, erstmals nach den legendären Afterpartys in der Kulturschmelze ein Interview mit Feysi führen zu dürfen. Frühere Anfragen ließ er abblitzen, nachdem Underground-Techno-Partys und Interviews mit VICE sich nicht vereinbaren lassen, so das Credo. Unser anschließendes Gespräch zeichne ich auf Band auf.

VZKG

Alles begann mit der Gründung des “Vereins zur Kultivierung der Gesellschaft”, der zu einem Dachverband für 42 Unterprojekte (Institute, Think Thanks, Fördervereine) herangewachsen ist. Jedes dieser Projekte versucht möglichst eigenständig aufzutreten. So wurde am Anfang AG-MOOS, ein Guerilla Gardening Projekt, ins Leben gerufen. Bei gemeinnützigen Projekten wie SHARE’N’CARE geht es zum Beispiel um die Vermittlung von Sachspenden für Bedürftige an die jeweiligen Hilfsorganisationen. Wenn Computer von IT-Firmen kostenlos zur Verfügung gestellt werden, vermittelt SHARE’N’CARE diese u.a. an “s`Häferl” weiter, eine erste Anlaufstelle für Haftentlassene.

Bei der Gründung des Vereins sollte sich die Suche nach einem geeigneten Vereinsnamen am kompliziertesten erweisen, da man soviele verschiede Projekte unter einen Hut bekommen wollte. Außerdem musste Feysi ein halbes Jahr lang nach einem zweiten Vereinsgründer Ausschau halten. Weil er aber ein Mensch ist, der gerne hart an der Realisierung seiner Ideen arbeitet, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Vereinsgründung erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Um von politischen Trends nicht abhängig zu sein, war es von Anfang klar, dass sich das VZKG allein durch Mitgliedsbeiträge erhalten sollte.

DAS KULTURZENTRUM SCHMELZE

Auf der Suche nach der passenden Location wurde Feysi bei einem Spaziergang unweit seiner Wohnung auf ein verlassen wirkendes Gelände aufmerksam. Er war bereits kreuz und quer durch Wien unterwegs gewesen und hatte nicht damit gerechnet, vor seiner Haustür fündig zu werden. Es war ein Glücksgriff. Zum einen wurde das Häuschen günstig zur Miete angeboten, zum anderen hatte man hier seine unbeschwerte Ruhe. Da sich das Kulturzentrum in spe auf einem Zinkereigelände befindet, musste der zukünftige Name des Vereinslokals mit dem Sinnbezirk “Metall” zu tun haben. Man überlegte hin und her und verwarf den Namen “Hochofen” zugunsten von “Schmelze”. Letzteres bringe besser zum Ausdruck, wofür das Kulturzentrum in der Prager Straße eigentlich stehe: Für das Vermischen und Verschmelzen von verschiedenen Kulturen und Genres.

Jedes Jahr liegt der Fokus des Kulturzentrums woanders. Von Richard Steinschlag (Mind Entertainment) kam der Vorschlag, Techno-Events dort zu veranstalten. Nach drei Wochen Vorbereitungszeit war es dann so weit: Die elektronische Subkulturszene sollte ein neues, temporäres Zuhause bekommen. Durch den Support zahlreicher Veranstalter wie “Schlafprobleme”, “Progressiv Foundation”, “Goa VS Techno” und “Hausgemacht” entstand in der Schmelze relativ schnell eine verlässliche Community.

Die 70-stündige Abschlussfeier dieser Techno-Zeit mit mehr als 400 Gästen dürfte vielen in lebhafter Erinnerung bleiben. Oder auch nicht. War die Exekutive bis dato auch immer kulant, so mussten sie diesmal ein einziges Mal einschreiten und der ausgelassenen Feier ein (jähes) Ende setzen. Doch die “jährliche Transformation” hatte mit den Behörden wenig zu tun, wie die Gerüchte damals oft lauteten. Der “Tapetenwechsel” ist Programm und war vollkommen beabsichtigt, so Feysi.

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EVENTS UND ANGEBOTE

Im laufenden Jahr liegt der Schwerpunkt der Veranstaltungen auf Live-Musik. Neben Jam-Sessions, die jeden ersten und dritten Freitag des Monats stattfinden, gibt es auch Konzertabende am zweiten und vierten Freitag. Für die Bands gibt es eine Umsatzbeteiligung. Vielfalt ist Programm und daher werden alle Genres bedient. Man kann auch hier Anime-Afterwork-Conventions, Kunstaustellungen, Lesungen und Fotoaustellungen besuchen. Es findet hier regelmäßig  eine “My little pony”- Convention statt. Im ersten Stock des Gebäudes befinden sich außerdem Studios, in denen Anfänger als auch etablierte Musiker mit professionellem Equipment Alben und Demo-Tapes aufnehmen können. Die Projektgruppe MEDIAS IN RES bietet Bühnentechnik, Dekoration und das volle Paket für Konzerte und Veranstaltungen aller Art an.

2019 stehen Kunstworkshops und Seminare auf dem Programm. Am Wochenende werden Meditationskurse angeboten und indische Bands laden zur Energie-Arbeit ein. Die Schmelze soll ein Jahr lang mit positiver Energie gefüllt werden, ehe es im darauf folgenden Jahr nochmal richtig zur Sache kommen könnte und Feysulah Milenkovic uns zum Transzendieren einlädt. Über deinen Besuch in der Schmelze würde er sich bestimmt freuen!

weiterführende Links und bevorstehende Events

Corenight at Schmelze (Wien)  10.03.2018 – Free Entry

Die Kulturschmelze FB

schmelze.vzkg.at

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