Die norwegischen ÅRABROT  haben gestern den arenarischen 3-Raum beehrt. Durch die Schwaden der Räucherstäbchen am Bühnenabgrund drückte das noisigste und zugleich harmonischste Machwerk tiefergestimmter Musikart.

Als ich nach der Pausenzigarette mit frisch aufgefülltem Plastikbier zielstrebig um die Ecke des Konzertraumes biege, um mir mein Plätzchen an der Sonne zu sichern, fährt mir ganz unerwartet eine Licht- und Tonflut übers Gesicht, sodass ich mir meiner Absicht nicht mehr sicher bin. Kjetil Nemes, seines Zeichens das Haupthirn der fünf Musiker, predigt. Er predigt eine düstere Ansage. Bestimmt und wütend. Årabrot beschäftigen sich in ihrer Lyrik, welche zu weiten Teilen aus Nemes’ Feder stammt, mit so ziemlich allem, womit wir Dummgläubigen uns nicht beschäftigen wollen. Die Bibel, Dante’s Inferno, Edgar Allan Poe und Jean-Paul Satre – nur ein Bruchteil desssen, was Årabrots Vielschichtigkeit auf textlicher Ebene anbelangt. Alle hören gebannt zu.

On/Off – Beziehung

Scharf fährt der antike Synthesizer durch die Klangwolke. Am Ende der belanglosen Technik steht eine blonde Gestalt, dessen liebliches Gesicht so gar nicht zu der dämonisch betörenden Sinuswelle passen will. Es ist anders als der letzte Auftritt Årabrots in Wien. Damals, nur zu zweit – Gitarre, Schlagzeug – war es unbarmherzig, rau und immer schön ins Gesicht. Gestern aber war Schönheit zu finden auf der Bühne. Zwei in Roben gekleidete Frauen wickelten mit schrillen Klängen aus Transistoren die Zuhörer ein. Kaum jedoch hat sich das Ohr an die süße Versuchung gewöhnt, macht die Elektro-Gitarre Hackschnetzel aus dem Gehörgang.

Smash the drawer!

Årabrot können böse, laut und zerhackt sein. Es wird geschrien, gefleht und gekreischt. Aber meistens eindringlichst in das Mikrofon gepredigt – mit einer guten Prise Wahnsinn. Das Soundkonstrukt hält auf Trab und lässt gleichermaßen auch ein Hineinfallen zu. Lange ausruhen kann man sich allerdings nicht. Das Schlagwerk macht von monotoner Cymbal-Streicheleinheit bis zu vertrackten Schnetzelbeats alles mit – eine schön tiefe Ride verantwortet hier in erster Linie den Doom – Chic.

Musikalisch verbietet sich eine Einordnung bei Projekten wie Årabrot. Aber irgendwie will ja die eventuelle Musikgeschmacks-Kompatibilität transportiert werden. Ich sag’s so: Wer es bei The Dillinger Escape Plan je zu einem der grandiosen Jazz-Parts geschafft hat, sollte auch in der Lage sein, sich zur Lichtung in Årabrots Sound durchzuarbeiten.

Wieder zurück in den Drei-Raum. Gerade fetzen uns abgründigste Sludge-Riffs um die Ohren, als ich mal ein bisschen in die Runde schaue. Gar nicht soo viele Leute hier – an die 60 würd ich schätzen. Aber ein Typ gefällt mir. Er steht genau neben mir – und geht ab wie Schmidt’s Katze. Der Kerl hat so eine Freude, dass Årabrot mit ihren zwei Amazonen vor ihm stehen, dass er mich in den Arm nehmen muss, um es mir zu bekunden. Ich freue mich mit ihm. Und so kommt es, dass diese Norwegische Formation, mit ihrer mystischen Ästhetik, mit ihrer großgewachsenen Bandmitglieder, mit der predigthaften Aggression eines Zukunftsreisenden vorgetragenen Lyrik und den verdammt groovigen Bewegungsparts, welche Männlein und Weiblein auf der Bühne gleichermaßen in synchronisiert pulsierende Gefühlswesen wandeln, eine der erotischsten Bands der Welt darstellt.

Wenn man mit Krach klarkommt.

Facts

Årabrot gründeten sich in 2001 im norwegischen Haugesund – dieser Stadtname kommt nicht von ungefähr. Mit ihrem kräftigen Musikkleid aus den Gefilden des Noise-Rock, des Sludge Metals und des Post-Punks hauen sie drauf, und mit ihrer tiefsinnigen Lyrik geben sie der vorhergehenden Watschen auch noch einen gesunden Anstrich.

Wobei der Name “Årabrot” auf eine Mülldeponie in Haugesund verweist und so etwas wie “Ort an dem sich Flüsse treffen” bedeutet.

Kjetil Nernes, der Frontmann der Partie, ist die selbstbetitelte “driving force” in diesem Projekt. Etwas unbeständig zeigt sich die restliche Besetzung. Drummer und Electro-Ladies unterliegen einem On-Off-Rythmus.

Obwohl, oder vielleicht gerade weil Årabrot in Boston und Leipzig wegen angeblich sexistischer und päderastischer Vorwürfe verbannt wurden, schaffte es die Band mit ihrer 2011er Platte “Solar Anus” den Norwegischen Grammy Award in der Kategorie Metal abzuräumen. Und es gibt sehr viele, sehr gute Metalbands im hohen Norden.

Year Title Format, Special Notes Label
2003 Rogues Gallery 12″ Safe as Milk
2005 Proposing a Pact with Jesus CD Norway Rat Records
2006 Rep.Rep CD,LPx2 Norway Rat Records
2009 The Brother Seed CD,LP Norway Rat Records
2009 Absolute Negativism EP w/Concept.virus CD Norway Rat Records
2009 I Rove EP CD Fysisk Format
2010 Revenge CD, LPx2 Fysisk Format
2011 Solar Anus CD,LP Fysisk Format
2012 Mæsscr EP 12″ Fysisk Format
2013 Arabrot (self titled) CD, MC, LP Fysisk Format
2014 Murder As Art EP 12″ Fysisk Format
2014 I Modi EP 12″ Fysisk Format
2015 You Bunch of Idiots EP 12″ Fysisk Format / EOLIAN

Quelle: Wikipedia

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