Aus dem Hamsterrad ausbrechen und Rettung in der weiten Welt suchen. Viele von uns kennen diese Sehnsucht. Ein junger Mann aus Paris hat 2018 alles hinter sich gelassen, um sich auf einer mehrmonatigen Fahrradtour wiederzufinden.

Der jahrelangen Routine des Arbeitsalltags entfliehen, das wollte Charles-Henri Avenel aus Paris, als er sich dazu entschoss, einen lang gehegten Traum wahr werden zu lassen: Eine Radtour quer durch Europa bis nach Vorderasien und wieder retour.

Der 35-Jährige arbeitete viele Jahre lang als Grafikdesigner für einen Konzern in Paris. Vor ein paar Monaten kündigte er seinen dortigen Posten und bereitete sich für das bisher größte Abenteuer seines Lebens vor. 20,000 Kilometer auf dem Rad wollen gut vorbereitet sein. Die geplante Route führt über Wien und Istanbul bis nach Kazachstan, ehe er kältere Gefilde anpeilt und sich entlang der russischen Grenze bis zur nördlichsten Spitze Norwegens durchschlagen möchte. Von dort führt ihn sein Weg über Dänemark und Deutschland wieder zurück in die Heimat. Untwegs versucht Charles mit möglichst wenig Geld auszukommen. Seine Unterkünfte findet er bei Freunden und Bekannten sowie bei Warm Showers (Couchsurfen für Biker), also kostenlos. In vielerlei Hinsicht hat diese gewaltige Radtour den Charakter einer Pilgerreise.

Als ich ihn in Wien treffe, lerne ich einen zuvorkommenden, höflichen Mann kennen, der bereits die ersten Bewährungsproben auf seiner Tour hinter sich hat. Er ist für eine Nacht bei einem gemeinsamen Freund untergebracht. Aus seinem Rucksack holt er ein Finnenmesser, mit dem er mitgebrachtes Brot aufschneidet. “Das dient mir auch zur Selbstverteidigung”, sagt er. Dieser Mann scheint auf jede Situation gut vorbereitet zu sein. Einen Monat später – er hat nun circa ein Viertel seiner Tour bewältigt – schickt er mir aus dem türkischen Landesinneren eine Antwort-Mail.

Warum hast du dich für diese Radtour entschieden? Und was ist der “Zweck” deines Abenteuers?

Ich träumte schon lange davon, hatte aber nie den Mut oder die Entschlossenheit, das im echten Leben durchzuziehen. Es sollte lange ein Traum bleiben. Aber eines Tages fragte mich ein Freund, wo ich mich in zehn Jahren beruflich sehen würde. Diese Frage war gewissermaßen der Stein des Anstoßes. Auf keinen Fall wollte ich so lange in meiner Firma bleiben. So kam ich zu dem Entschluss, aus meiner Komfortzone auszubrechen und nicht länger meinen Traum aufzuschieben. Die nötigen Ersparnisse hatte ich ja mittlerweile. Also stürzte ich mich auf dieses Abenteuer, mit dem Ziel, andere Kulturen kennenzulernen und vielleicht auch etwas neues über mich selbst zu erfahren. Außerdem war es klar, dass ich das allein tun würde, denn alleine lernt man unterwegs viel mehr Leute kennen.

Wie lange hat die Reisevorbereitung in etwa gedauert?

Circa drei Monate. Meinen Job habe ich einen Monat vorher gekündigt, um alles in Ordnung zu bringen. Soweit das möglich war. Im Leben bist du ja auch nie perfekt vorbereitet für das, was passieren wird. Das ist die Herausforderung, aber auch das Großartige an der Sache.

Was war der schrecklichste Moment deiner bisherigen Radtour?

Glaube mir, ich hatte viele schreckliche Momente! Aber die bisher schlimmste Situation war am vierten Tag meiner Reise, da war ich noch in Frankreich. Ich war wie verloren mitten im Nirgendwo, weit und breit niemand zu sehen. Es war bitterkalt, ich hatte starken Gegenwind und musste zudem bergauf fahren. Mein Rücken und meine Knie schmerzten. Auf einmal fragte ich mich, wofür ich das überhaupt alles mache. Ich bereute schon die dümmste Idee meines Lebens und wollte alles schmeißen, zurück zu meiner Pariser Wohnung. Dann dachte ich wiederum an die Schmach und verzweifelte total. In meinem Kopf rollte ein Tsunami los. Ich weinte, schrie herum vor Wut, und fühlte mich so einsam wie noch nie.

Was war bisher der schönste Moment auf deiner Strecke?

Natürlich habe ich auf der anderen Seite viele schöne Erlebnisse. Meistens handelt es sich um Bekanntschaften. In Istanbul gab es einen speziellen Moment. Ich war abends in einem Restaurant mit ein paar Freunden und da war eine wunderschöne junge Frau am Nebentisch. Sie schaute mich an, als ob sie richtig verliebt in mich wäre. Sie sprach fast kein Wort Englisch, gab mir aber zu verstehen, dass sie mich lieben würde. Dann umarmte sie mich und sang eine türkische Volksweise mit ihrer bezaubernden Stimme, während sie mir tief in die Augen schaute. Die Leute um uns herum applaudierten. Es war absolut spontan, großartig und intensiv. Ich werde ihren Gesang und ihre Augen niemals vergessen.

Wo bist du den freundlichsten Menschen begegnet?

In Zentraleuropa war es am ehesten Österreich, am Balkan Serbien und dort im speziellen die Vojvodina. Aber den allerfreundlichsten Menschen bin ich in Istanbul begegnet. Die Leute hier können vielleicht etwas impulsiver sein, aber sie sind auch sehr offen und hilfsbereit. Ich wurde hier in der Regel als Teil der Familie betrachtet.

Wann wirst du wieder in Frankreich sein? Und weißt du bereits, was du danach machen möchtest?

Ich werde vermutlich im Oktober wieder in Frankreich sein. Und Ideen für die Zeit danach habe ich viele. Auf jeden Fall möchte ich nicht mehr für irgendeine Firma arbeiten, sondern meine eigenen Ziele und Projekte verfolgen. Vielleicht schreibe ich sogar ein Buch über meine Reise. Vielleicht mach ich mich als Grafikdesigner selbständig. Mit Sicherheit werde ich noch genug Zeit zum Nachdenken haben.

Was möchtest du den Delay-LeserInnen über deine bisherigen Erfahrungen auf deiner Reise mitteilen?

Eine wichtige Erfahrung ist folgende: Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du. Je mehr du den Menschen vertraust, desto mehr trauen sie dir. Wenn du Liebe schenkst, wirst du hundert Mal dafür entlohnt. Diese Liebe ist in allen Ländern und Kulturen dieselbe und wird auch als solche wahrgenommen. Sie ist ein universeller Wert, der nichts kostet. Eine andere zentrale Erfahrung ist wohl jene, dass wir uns selber in den schlimmsten Situationen näher kommen. Wenn deine Maske zerbrochen ist, musst du dein wahres Gesicht zeigen. Am Anfang ist es sehr hart, doch ich bin überzeugt, dass es dir für den Rest deines Lebens sehr viel Kraft geben wird.

Infos und weiterführende Links

Auf seinem Blog lässt sich jederzeit sein aktueller Aufenthaltsort nachvollziehen.

globecycleur.com

instagram – globecycleur

warmshowers.org

 

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