“Vergessen Sie Montmatre, St. Germain, Soho und Berlin-Mitte. Entdecken Sie das FreihausViertel – es lohnt sich garantiert! Ein zauberhaftes Grätzel zum Shoppen, Ausgehen und Verlieben.” Karl Raab in „Freihausviertel & Friends“

Der genuine Charakter einer jeden Großstadt zeigt sich in ihren typischen Vierteln, wo dieser vom Wandel der Zeit nahezu unberührt bleibt. Das Freihausviertel (i.F. als FV abgekürzt) in Wieden ist ein solcher Stadtteil, dessen “Bohemien-Flair gepaart mit Wiener Charme” (Karl Raab) durch die Jahrhunderte konserviert und kultiviert wurde. Der moderne Leitgedanke „think global, act local“ manifestiert sich im FV an jeder Straßenecke. Seit 1. Jänner diesen Jahres ist eines der charmantesten Grätzeln Wiens auch mein Zuhause geworden. Vor 100 Jahren hätte man hier Karl Kraus auf der Straße antreffen können, heute den Frontman von Bilderbuch frühmorgens beim Bäcker.

LEBEN UND LEBEN LASSEN IM FREIHAUSVIERTEL

Im Jahr 1647 erwarb der kaiserliche Offizier Conrad Balthasar Graf von Starhemberg für 1000 Goldgulden ein kleines Stück Land nahe der Residenz. Er errichtete hier Wiens erste soziale Wohnhausanlage und erlangte zudem von Kaiser Ferdinand III. Steuerfreiheit für alle Bewohner. Daher auch der Name „Freihausviertel“. Nach und nach siedelten sich viele Händler und Gewerbetreibende hier an. Die Mühlgasse und Schleifmühlgasse erinnern daran, dass die Erfolgsgeschichte eines prosperierenden Stadtteils hier ihren Anfang nahm. Kulturgeschichtlich hat das FV einiges zu erzählen: So wurde zum Beispiel Mozarts Zauberflöte, die erste deutschsprachige Oper, im alten Freihausvierteltheater unter der Direktion von Emanuel Schikaneder 1791 uraufgeführt.

DER GENIUS DER KAUFLEUTE

An einem sonnigen Samstagvormittag traf ich mich für ein Gespräch mit dem Obmann des FreihausViertel-Vereins Karl Raab vor dem Vintage-Store seiner Gattin in der Schleifmühlgasse. Der Grandseigneur erzählt mir aufschlussreich über das Leben im FV und gewährt mir Einblicke in das kaufmännische Treiben in diesen Gassen. In seiner überparteilichen Funktion als Obmann für die Geschäftsleute im Viertel untersteht der dem „Wiener Einkaufsstraßen-Management“, das wiederum dem Dachverband der Wiener Wirtschaftskammer untergeordnet ist. Von den etwa 70 Einkaufsstraßenvereine in Wien ist der Verein „Einkaufserlebnis Freihausviertel“ der mitgliedstärkste.

Es sind wohlgemerkt die Kaufleute selbst, die das FV mit Eigeninitiative zu einem lebenswerten Grätzel machen. Während das Donauinselfest mit rund sechs Millionen Euro von der Stadt Wien gesponsert wird, wird das FV-Fest gerade einmal mit 4000 Euro subventioniert, wie mir Herr Raab erzählt. Die jüngste Initiative der hiesigen Geschäftsleute zielt darauf ab, die Weihnachstbeleuchtung in Zukunft mit Sonnen- und Windenergie zu betreiben, um nicht mehr vom städtischen Stromanbieter abhängig zu sein. Der hierfür benötigte Generator soll am Kühnplatz aufgestellt und sich in einem eigens dafür errichteten Salettl befinden, welches gleichzeitig als Mozarterinnerungsort (Tafeln etc.) dienen soll. Das ist kaufmännischer Einfallsreichtum par excellence, auch wenn die Auflagen der Behörden eine schnelle Umsetzung der Projekte oftmals unmöglich machen.

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Neben den zahlreichen hippen Läden, Kunstgalerien und Cafeterien gibt es auch traditionsreiche Betriebe wie die Schildmalerei Samuel in der Mühlgasse, in der seit 135 Jahren und in vierter Generation Firmenschilder hergestellt werden. Handwerkskunst wird hier gelebt. Besondere Erwähnung verdient auch der Vintage-Store in der Schleifmühlgasse, der seit 39 Jahren von Ingrid Raab geführt wird und als Topadresse für Mode aus den Jahren 1880 bis 1980 gilt. Internationale Stars der Modewelt wie Helmut Lang, Karl Lagerfeld, Chanel, Kate Moss, Stella Mc Cartney, Dries van Noten, Strenesse, Escada, Donna Karan oder Paolo M. Anderson zählen zur prominenten Kundschaft und lassen sich von den etwa 5000 handerlesenen Stücken inspirieren.

Vor etwa 20 Jahren schrieben Zeitungen wie der Kurier über die Geisterstimmung, die sich im Freihausviertel breitgemacht hatte. Ein Viertel war im Begriff abzusterben. Doch die Gentrifizierung ließ auch hier nicht lange auf sich warten. Die findige Geschäftsfrau Ingrid Raab hatte zu diesem Zeitpunkt das richtige Gespür und eröffnete hier ihren Vintage-Store. Der erste Gastrobetrieb in der Schleifmühlgasse sollte bald folgen: Das Gasthaus Anzengruber ist heute ein beliebter Treffpunkt für Künstler, Schriftsteller und Kulturschaffende.

DAS FREIHAUSVIERTELFEST

Das Freihausviertelfest wurde Anfang der 90er Jahre ins Leben gerufen. Das Projekt hatte zum Ziel, ein totgesagtes Grätzel wiederzubeleben und “das eigene Viertel als vielfältigen urbanen Erlebnis – und Wohlfühlraum zu präsentieren” (Karl Raab). Inzwischen lockt das Streetfestival mit seinem unverwechselbaren Flair Jahr für Jahr mehr Besucher an. Nach polizeilicher Schätzung sind es mittlerweile an die 15000 Gäste, die teils eigens aus dem Ausland anreisen.

Um logistische Engpässe zu vermeiden, findet das Festival eine Woche nach dem Donausinselfest statt. Das Streetfestival wird als Kontrastprogramm zum DIF verstanden, da man im hier keine herumliegenden Alkoholleichen zu befürchten hat. Das Freihausviertelfest erfreute sich heuer vom 29. Juni bis 1. Juli zahlreicher Gäste. Begleitet wurde es von 16 Live-Konzerten sowie einem abwechslungsreichen Familien- und Kinderprogramm.

http://www.flovintage.com/

 

 

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Matthias Lehar

Gebürtig aus Innsbruck, Studium in Wien, Broterwerb und Lebensmittelpunkt ebenda. Nebenbei hiphopaffiner Musikliebhaber.

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