“Detroit did turn out to be heaven, but it also turned out to be hell” – Black Milk aus Detroit hat vergangene Woche in Wien Halt gemacht und lies die Temperaturen im Café Leopold ansteigen

38 Grad, verraucht, verschwitzt. Der Salon des Café Leopold ist dicht gedrängt. Erst vorne an der Bar des länglichen, schmalen Raumes lichtet sich die Menschenmenge ein wenig. Black Milk muss sich durch die Menge schieben lassen, um auf die kleine Bühne zu gelangen. Einen direkten Zugang aus dem Backstage-Bereich gibt es nicht. Er zischt vorbei und erscheint in der Dunkelheit. Detroit’s in the house. Keyboard, Schlagzeug, Bass, dreifacher Gesang. Ein abwechslungsreicher Mix aus Hip Hop, Soul, Funk und R’n’B überzeugt das Publikum sofort. Besonders die dynamische Stimme des Sängers und die perfekt eingespielte Band begeistern die Crowd. Black Milk war nicht allein. Zur Unterstützung hatte er The Nat Turner Band mit im Gepäck. Live Hip Hop mit Band anstatt DJ-Support fühlt sich noch lebendiger an. Everybody put the hands up in the air!

Curtis Cross alias Black Milk

Der 33 jährige Producer und Rapper aus Detroit, Michigan, macht im Zuge seiner Play like Hell-Tour in Wien halt und verwöhnt damit die elaborierten Hip Hop Fans der Hauptstadt, steht er doch für die creme-de-la-creme der Detroiter Hip Hop Szene. Die Millionenstadt im Nordosten der USA ist Geburtsstätte zahlreicher prägender Künstler aus Soul und Hip Hop, darunter Eminem, Slum Village und nicht zuletzt J Dilla. In den letzten Jahren war die Stadt aber auch vor allem für ihre desaströse wirtschaftliche Lage in den Schlagzeilen.

Wien darf nicht Detroit werden

Sie ist bislang die größte amerikanische Stadt, die Bankrott gegangen ist. Einst stand Detroit noch für den großen amerikanischen Traum: Die Autoindustrie des rust belt sorgte lange für den Wohlstand, der sich bis zur einfachen Arbeiterklasse erstreckt hat. Neun von zehn amerikanischen Autos wurden in den 1960er Jahren hier produziert. Doch mit der Wirtschaftskrise wurden seit 2008 auch in der Metallmetropole die Jobs knapp. Seither ist die Stadt verfallen. Die Detroiter nennen das Phänomen der Touristen, die eigens anreisen um die aufgelassenen Industrie- und Fabrikshallen zu fotografieren ruin porn. Über 80 Prozent der Bevölkerung Detroits ist afroamerikanisch. Die Metropole ist heute für ihre Armut berüchtigt. Die goldenen Zeiten seien vorbei, heißt es. Und nicht zuletzt, könnte man meinen, dass die Stadt, in der das weltberühmte Motown-Label gegründet wurde, auch musikalisch ihren Höhepunkt schon hatte. Es ist der Zwiespalt von glorreicher Vergangenheit und trauriger Gegenwart, in der Black Milk sein sechstes Studioalbum If there’s a hell below entstehen lässt.

Obwohl Black Milk schon seit mehr als zehn Jahren im Business ist, hat die breite Masse ihn noch nicht für sich entdeckt. In der Szene wird er aber schon lange gefeiert. Mit dem If there’s a hell below will er aus dem Schatten seines großen Idols J Dilla hervortreten. Seit Beginn seiner Karriere wird der Producer mit der Hip Hop-Größe verglichen – jazzige, unkonventionelle Kompositionen sei den beiden gemein. Sein letztes Album klinge nicht mehr nach J Dilla, darauf besteht der 33 jährige.

Auf der Bühne

Die drückende Hitze, die sich im Untergeschoss des Café Leopold wie in einer Sauna aufstaut und nicht entweicht, geht auch an dem Rapper nicht spurlos vorüber. Schon nach dem zweiten Lied muss er sich seinen dunklen Hoodie ausziehen. Das Publikum feiert den Strip und geht auf die Kommandos von der Bühne ein. Auf jedes „Fuck, yeah“ von oben folgt einen synchrones „Fuck, yeah“ der Menge. Getanzt wird dann bei „Detroits New Dance Show“, eine Hommage an die Techno-Stadt Detroit. Das Publikum ist auf seiner Seite. Auch wenn Wien höchstwahrscheinlich nicht demnächst die Pleite erklären muss, gibt es auch in Österreich ein Michigan aus finanzpolitischer Sicht”. Die sich auflösende Industrie, Armut und Arbeitslosigkeit sollte wohl kein Vorbild sein. Die künstlerische Szene, die sich auch daraus entwickeln konnte, aber sehr wohl. Black Milk hat Wien die hohe Kunst der Beats und des Raps ein Stückchen näher gebracht. Thank´s DOG!

Diskografie

   2005: Sound of the City, Vol. 1

   2006: Broken Wax (EP)

   2007: Popular Demand

   2008: Caltroit (mit Bishop Lamont)

   2008: The Set Up (mit Fat Ray)

   2008: Tronic

   2010: Album of the Year

   2011: Random Axe (mit Guilty Simpson und Sean Price)

   2013: No Poison No Paradise

   2014: Glitches in The Break (EP)

   2014: If There’s A Hell Below

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