Nicht alle die Angst haben sind Rassisten. Aber es hilft dabei, eine*r zu werden.
Nicht alle die Grenzen schließen wollen sind Nazis. Aber es hilft eine*r zu werden.
Nicht alle die dem nachgeben, sind in der Bundesregierung. Umgekehrt aber schon.

Die Schrecken dieser Welt sind aus dem TV unserer Wohnzimmer in das HD unseres Alltags getreten. Sie sehen anders aus, als wir sie uns vorstellten (“De sein ja gar ned arm“), sind anders ausgestattet (#Handy) als wir es ihnen zugestehen wollen und ihre Leben enden statt im Nahen Osten an unseren Küsten.

Es sind “die anderen”. Diese Gruppe ist für jede Gesellschaft wichtig, denn durch “sie” gibt es ein “wir” und im Umgang mit ihnen, lässt sich der Grad an Reife einer Gesellschaft erahnen. Es gibt auch zu jeder Zeit “Gründe“, dass “diese anderen” nicht so sind, wie wir sie von anderen “anderen” kennen. Denn jede Gesellschaft hat ihre eigene Zeit, ihre eigene Verfasstheit und damit ihre Eigenheiten der “nicht-wir-Gruppe”.

methusalix

Ich komme zum Punkt. Die Verschärfung des Asyl-Gesetzes hat zwei Elemente. Einerseits eine Bundesregierung, die auf europäischer, zwischenstaatlicher (Österreich – Deutschland) und innerstaatlicher Ebene mit den geänderten Rahmenbedingungen (andere Staaten verhalten sich so, wie wir früher) überfordert ist und aus Angst vor dem Boulevard & Wahlen einer (einfachen und damit Pseudo-)”Lösung” nachgibt.

Wichtiger scheint mir jedoch ein zweiter Punkt, der das inhaltlich sinnfreie Handeln erklärt (schon jetzt, würde die Aufenthaltsbewilligung mit dem Wegfall des Fluchtgrundes auslaufen): die Verzerrung von Wirklichkeit, ursprünglich entstanden im unsicheren Nicht-Wissen um “die anderen”, tritt ihren Siegeszug über die Stammtische und Medien dieses Landes in deren Parteizentralen an. Und was passiert in diesen? Dort wird auf Grund verzerrter Wahr[!]nehmungen auf Stammtisch-Niveau politisch reagiert!

An Stammtischen werden Wahrheiten im Eigenbau geschaffen. Wo kein Wissen, da wird “gewusst” und wo keine Argumentation, da kommt der “Hausverstand” ins Spiel. Gipfel dieser allzu vertrauten Tirade an Feindseligkeit und bierschwangerer Stimmung liegt in der Projektion eben jener Ängste, Feindseligkeiten und Gewaltfantasien auf die anderen. Wir möchten nicht, dass sich “unsere Kultur” verändert. Hier werden Frauen geschätzt, die Gesetze eingehalten und überhaupt nicht einmal Müll gemacht – Ausnahme, dein Name ist Realität. Diese Doppelbödigkeit zeigt sich am Stammtisch selbst, wenn die dreckigsten Witze gerissen und den bösartigsten Gewaltfantasien nachgegeben werden.

“Die Asylanten” sind Sündenböcke und Opferlämmer anhand derer wir unsere niederträchtigsten Wesenszüge, verstecktesten Unzulänglichkeiten und nicht zuletzt unsere Doppelmoral abstrafen: und dafür hassen wir sie! Einzelpersonen würden solche inner-psychischen Konflikte mit viel (unterstütztem) Nachdenken über sich selbst bewältigen, doch als Gesellschaft gibt’s dafür nur den Austausch in der Öffentlichkeit. Doch hier wird derzeit das Gegenteil von aktiver Reflexion gemacht – unbeholfen überhastete Reaktion. Statt nachzudenken wird (neurotisch) gehandelt und damit das notwendige “Nachdenken über sich selbst” immer weiter hinausgezögert und es kommt zu immer irrwitzigeren Fehlanpassungen…

Das funktioniert – eine gewisse Zeit lang. Irgendwann können wir die verzerrte Wirklichkeit und Realität jedoch nicht mehr in Deckung bringen. Hier bin ich überzeugt, dass es ein “beschämtes” und kein “böses Erwachen” geben wird: Nicht die Einsicht der Hetzer “Recht gehabt” (oder “geschaffen”) zu haben, sondern Menschen persönlich wie auch strukturell massiv Unrecht getan zu haben. Das werden wir dann nicht mehr ungeschehen machen können. Hoffen wir nur, dass es uns als Gesellschaft und Menschen dann noch möglich ist, uns neu zu (über)denken und wieder aufeinander zuzugehen.

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Christian Altenweisl

1986 als Schützenhauptmanns-Sohn im ländlichsten Teil des (schon zu) "Heiligen Landes" geboren, hernach 5 Jahre unter Haider in "Fü-Loch" aufhältig und dort grün-politisiert, Mag. Mag. er nach Abschluss zweier Studien die Hoffnung nicht aufgeben, was Sinnvolles aus seinem Sein zu machen.

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