Das Wiener Label Panta R&E (sprich Panta Re – “alles fließt”) präsentiert mittels einer zweiteiligen Konzertreihe sein Kampfkader in der Szene Wien. Gruppe eins ging bereits am Freitag ins Rennen – die Lokalmatadoren Milk+, die bereits heute schon legendär klingende Neugründung Solar Blaze, die Hirn-verwuselnden Palindrome und last, but definetly not least – Parasol Caravan, die mit ihrer frisch gepressten “Para Solem” Scheibe den Abend kurzerhand zum Album Release hijacken.

Das A und Ω des Wiener Prog-Rock

Panta R&E steht für alternative, progressive, psychedelische und gesteinigte Musik. In einer Zweckbeziehung mit dem Recording Studio und Proberaum-Anbieter Gab Music Factory, legt Panta den Focus auf die österreichische Rock-Szene, welche sich in letzter Zeit tierisch über eine Aufwertung der Anerkennung hiesiger Musikprojekte freut – auch wenn der Schein trügt, so scheint Wanda zumindest hell. Label – Gründer Joni Gabler zeigt sich zufrieden und genießt dabei die auch die kleinen Erfolge die man so am Weg aufsammelt. Zum Beispiel eine schick durchorganisierte Labelnight in einer der Top-Venues in Wien. Oder auch die Kooperation mit dem frisch dazugewonnenen Vertriebspartner Rough Trade Distribution, die internationale Veröffentlichungen nun auch für die im Standardfall in vermotteten Under-Stage Kämmerchen rumlümmelnden Herzblut-Rocker ermöglichen.

Abgesehen von den heute Vortragenden, haben sich auch das Deutsch-Österreichische Vorzeigeprojekt Mother’s Cake, die lauschigen Lausch – welche übrigens auch erst unlängst einen neuen Langspieler unters Volk brachten (“Glass Bones”) und die Energiebündel von She and the Junkies dazu entschlossen dem (im positiven Sinne) reudigsten Label der Nation anzuschliessen.

Genug Label-Gefasel! Wir wollen Sound!

Und den sollt ihr haben! Darf ich anbieten – Solar Blaze! Gerade erst im Sommer 2014 haben sie mit der EP “Seen the Light” für ein weiteres Sternchen am Firmament gesorgt – mit David Furrer, dem Milk+ Frontman, hinter dem Mixing Board konnte diese Platte nur perfekt in die bereits dichte Prog-Szene einschlagen. Und so kam es dass es an diesem Abend keine wirkliche Vorband gab. Solar Blaze verausgabten sich auf der Bühne – ekstatische Solos, Kopfgeschüttel und meditative Gesangseinlagen sogen die Besucher gleich zu Beginn des Abends in eine andere Dimension. Mit einem funkigen und bluesigen Beigeschmack konnte man die Vorspeise getrost bis zum letzten Klecks vom Teller lecken. Und während man die Zunge noch taub aus der Visage hängen ließ, bemerkte man nebenbei, dass es sogar eine schön trippige Videoshow gab, die man sich wohl eindringlicher zu Gemüte hätte führen können, wäre man nicht so auf die Bühnenaction fokussiert gewesen.

Solar Blaze

Solar Blaze

Nächster Gang: Palindrome wird kredenzt. Das Sextett um Sängerin Rosi hat sich die Disharmonie auf die Flagge geschrieben. Mit der klassischsten aller Mathcore-Instrumentalisierungen, Saxophon und Keyboard abgesehen von den Fell- und Saiten-Instrumenten, wird hier mit sehr gehobenen Anforderungen an einen selbst an der Demontage der anwesenden Trommelfellen gearbeitet. Der Sound ist dicht, eine Wolke sozusagen. Leider blieb in der Wolke der Sax-Sound etwas im Hintergrund. Das störte die Musiker allerdings herzlich wenig, die waren viel mehr mit einer energiegeladenen Performance beschäftigt. Der Keyboarder zuckte regelmäßig aus, was den Gedanken aufkommen ließe, sein Werkzeug bestünde eher aus bühnentauglichem Unobtainium, als aus obszönen Plastik. Aber dennoch hielt das Japan-Piano wieder und wieder der liebevollen mechanischen Vergewaltigung des Spongebob-Shirt-Trägers stand.

Palindrome

Palindrome

Und kaum versah man sich, steht da schon die nächste Truppe mit schwerem Gerät im Scheinwerferlicht. Kein Geringerer als der schon zuvor erwähnte David Furrer mit seinen Mitstreitern von Milk+ haben sich nun auf der Bühne eingerichtet. Für diejenigen die an dieser Stelle draufgekommen waren, dass sie ein überaus wichtiges Baggy zuhause am Wohnzimmertisch liegen gelassen hatten, hieß es nun, beruhigt aufatmen. Bei Milk+ braucht keiner mehr illegale Drogen. Dieser Sound! Dieser Spannungsbogen! Dieses Songwriting! Dieses Voicing! Die Nummern wechseln von indica auf sativa innerhalb weniger Takte. Die Wellen kamen so dick aus den Boxen – man konnte schon den einen oder anderen Rock-Aficionado sein Surfbrett wachsen sehen. Strong the force in this one is!

Milk+

Milk+

Nachdem die einen mit einem musik-epileptischen Anfall dank Palindrome in der Ecke zuckten, die anderen auf ihren trippigen Wellen auf und davon geschwommen sind, war jetzt nur noch die Kratzbart-Fraktion mit ihren sandigen Stiefeln und dem Kautabak-Eimer von Belang. Für die kam darauf nämlich das zu Sound gewordene Schwammerl-Wohnmobil auf die Bühne: Parasol Caravan.

Das in Anlehnung an den weniger erfreulichen Ausgang des popkulturellen Austeiger-Epos “Into the Wild” genannte Stoner-Rock-Quartett zeigt gerne sein tieffrequentes Gemächt. Zwischen Clutch und Pearl Jam wurde der Sound von einem Youtube-User einst verortet. Und die haben eine Talk Box! Die Wiener Peter Frampton-Fan-Sektion infiltrierte angeblich gerade in diesem Moment den Konzertraum. Nur wurde zu deren Ernüchterung das gute Teil für dröhnende und sinneserweiternde Soundscapes, anstelle des banalen “Talking Guitar Effect”s verwendet. Ich habe ja bereits darauf hingewiesen, dass an diesem Abend die Dimensionsgrenzen nicht so ernst genommen wurden. Schwere Riffs, lange Grooves – dreckigste Luftverschmutzung allerhöchster Güte. Und da schnitt der Frontmann Alexander Kriechbaum mit seinen stilechten Americana-Vocals pfeilgerade mittendurch. Die Securities hatten größte Anstrengungen zu leisten, um die kreischenden und tobenden Fans zu befrieden.

Parasol Caravan

Parasol Caravan

Ja so war das und nicht anders!

Wenn ihr euch nun denkt, so ein Abend gehöre wiederholt, den kann ich glücklich stimmen: am 29.11.2015 lässt Labelboss Joni die zweite Hälfte seines Line-Ups auf euch los: Mother’s Cake, Lausch, She and the Junkies und DeWolff aus den Niederlanden werden euch abermals einheizen.

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